Karin Michl lebt ihren Theatertraum

Die Regisseurin des Brucker Festspiels sprach mit der MZ über Leidenschaft, die Anfänge und was sie noch erreichen möchte.
Von Marion Lanzl MZ-Bericht 15.07.2015

Karin Michl

 In Karin Michls Adern fließt „Theaterblut“ – das hat sie geerbt.Fotos: Marion Lanzl

Bruck.Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Wenn aus einem Kindertraum Shakespeares Sommernachtstraum wird, dann steckt nicht nur eine tiefe Leidenschaft sondern auch jede Menge Zeit, Fleiß und Arbeit dahinter. Die Regisseurin des Brucker Festspiels, Karin Michl, hat das Theatervirus schon im Kinderzimmer infiziert und sie hat sich ihre Passion und Fantasie bis heute erhalten. Zum achten Mal inszeniert die gebürtige Furtherin die Marktfestspiele an diesem Wochenende.
Die Vorarbeit ist immens

Doch niemand sieht, welche Vorarbeit hinter all dem Genuss für die Besucher steckt. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, bestätigt Karin Michl. Der altbekannte Spruch aus dem Fußball passt auch auf die Theatergruppe. Eine Woche Urlaub nach den Aufführungen im Juli gönnt sich die 46-Jährige. Gleich nach der kurzen Auszeit geht es aber wieder los. Es gilt zu recherchieren. Welches Stück steht für den nächsten Spielplan zur Verfügung, welches Stück passt zur Schauspieltruppe. „Man möchte ja am liebsten jedem der engagierten Laiendarsteller eine besonders schöne Rolle geben, wir haben viele wirklich gute Leute, aber nicht jedes Stück gibt dazu genug her.“

Darüber hinaus muss die Handlung natürlich auch von den räumlichen und nicht zuletzt finanziellen Möglichkeiten her umsetzbar sein. Kein leichtes Unterfangen für eine Laienspielgruppe. Nach einer Vorauswahl wird abgestimmt, danach fängt die Arbeit erst richtig an.

Die „Komödie der panischen Verzauberung“, so ein Kritiker über den Sommernachtstraum, hat auch Karin verzaubert: „Shakespeare liebe ich schon immer, seine Sprache, sein Liebeschaos, seine Poesie.“ Während sich die Darsteller vielleicht schon in die eine oder andere Rolle träumen, macht Karin Skizzen und Notizen. „Die Szenen entstehen quasi schon beim Lesen des Stücks in meiner Fantasie. Schon bei der ersten Probe im Januar muss ich wissen, wie ich die Darsteller platziere.“ Vorstellungskraft hat die gelernte Fotografin. Manchmal muss sie aber die eiserne Lady geben, muss – so eine Inszenierung braucht Disziplin.

Alles wartet sozusagen dann auf ihr bewährtes Kommando, denn Karin Michl hat nicht nur in Bruck jede Menge Erfahrung mit dem Theater gesammelt. Bereits vor ihrer Zeit beim Marktspielsommer mit „Macht und Minne“ hatte sie als Regieassistentin bei Nikol Putz, dem Impresario des Festspielvereins Neunburg vorm Wald, wo dieser seit 1997 als Regisseur den „Hussenkrieg“ inszeniert, über die Schulter geschaut. „Von ihm hab ich absolut viel gelernt“, erzählt Karin offen. Drei Workshops hat sie bei dem Theaterfachmann absolviert und drei Jahre als Regieassistentin an seiner Seite die Kunst Inszenierens studiert. Er ist Laienspielleiter des Bezirks Oberpfalz und in dieser Funktion natürlich auch für alle anderen Theatergruppen kompetenter Ansprechpartner, kritischster Beobachter und öffnet oft die Augen, „denn mit der Häufigkeit der Proben wird man auch betriebsblind“, gesteht die sympathische Theaterfrau. Bei einer der letzten Proben schaut der Mentor dann auch wirklich vorbei und den Schauspielern sozusagen auf die Finger.

Karin Michl hatte aber auch schon vor ihrer „Lehrzeit“ bei Nikol und den Hussen-Festspielen Erfahrung mit Aufführungen und Inszenierungen. Für den Hofball der Allotria hat sie Spieleinlagen einstudiert und als Hans Bauer und Josef Vohburger für den Tourismusverband die Geisterwanderung auf den erfolgreichen Weg brachten, wurden bald auch talentierte Hexen gesucht. Karin Michl und ihre Freundinnen waren gleich dabei und haben die Szenen einstudiert. In Karin Michls Adern fließt einfach Theaterblut – kein Wunder bei dem Stammbaum: Väterlicherseits gab es eine wahre Künstlerdynastie an Schauspielern und Theaterdirektoren, eine Tante arbeitete als Maskenbildnerin in Bayreuth am berühmten „Grünen Hügel“ und eine Tante beim Bayerischen Rundfunk. Urururgroßmutter Charlotte Bastè väterlicherseits stammte aus einer angesehenen Künstlerfamilie, ihr Vater war der Theaterdirektor Theodor Bastè, ihr Großvater Julius Bastè und die Schwestern Käthe und Paula ebenfalls Schauspieler. Charlotte konnte bereits als Vierjährige erfolgreich in St. Petersburg debütieren. Später kam die Familie nach Deutschland und die Urururoma mit 15 ans Königliche Schauspielhaus in Berlin.

„Zwölf Jahre war ich 1. Vorstand des Theater- und Festspielvereins Nittenau und vor allem aber hinter den Kulissen mit bei der Geisterwanderung dabei. Das Organisieren und inszenieren liegt mir noch mehr, als das auf der Bühne stehen“, gesteht sie freimütig, „Dazu wäre ich viel zu nervös!“ Lampenfieber gehört wohl mit zu jedem Schauspielerleben, egal ob in Hollywood oder auf der Bretterbühne, da bleibt kaum ein Mime verschont. Die Angst vor einem Hänger oder dass die Stimme versagt, bleibt Karin Michl hinter der Bühne zwar erspart, aber „Premierenfieber“ muss auch sie erleiden. Bis sprichwörtlich der Vorhang fällt, bis zum letzten gesprochenen Wort und bis endlich der erlösende Applaus erklingt, fiebert sie zusammen mit all den unsichtbaren Helfern hinter den Kulissen mit. Die Sorge, ob das Wetter hält, ist die Spielleiterin seit dieser Saison los. „Was Bruck da hingestellt hat, ist wirklich fantastisch“, schwärmt Michl über den neuen Theaterplatz. Man kann sich hier in der Tat viele Veranstaltungen vorstellen.
Bis zu 50 Mal wird geprobt

40 bis 50 Proben setzt die Regisseurin für jede Spielsaison an, schließlich sind 80 bis 90 Seiten Textbuch zu lernen. Da ist auch ihre Truppe sowohl vom Pensum als auch zeittechnisch ganz schön gefordert. „Wir haben Darsteller, die aus Kallmünz, Roding und Regenstauf ab Januar zweimal pro Woche nach Bruck anreisen. Das ist wirklich einzigartig!“, schwärmt die Spielleiterin von ihrem Team. Mit Stellproben fängt es an, bis dann spätestens im April die Bücher zur Seite gelegt werden. Zur psychischen Stütze sitzen dann noch zwei Souffleusen bereit, die im Notfall, die Stichworte zuflüstern, wie der Name sagt.

Pannen passieren natürlich trotzdem immer wieder mal, dagegen ist niemand gefeit. „Eine besonders amüsante Panne entstand bei einer Aufführung im Meisl Saal. Bei „Raphael im Zeugenstand“ krachte dem Richter, alias Karl Steiner, sprichwörtlich der Hocker unter dem Allerwertesten zusammen. Um die Szene nicht zu kippen, blieb Karle, wie Steiner liebevoll genannt wird, zwanzig Minuten in der „Schussfahrt“ Position am Tisch „sitzen“.“ Ja, das macht einen echten Schauspieler eben aus. So tun als ob. Die größte Gefahr ist freilich immer, dass ein Darsteller kurzfristig ganz ausfällt. Doppelbesetzungen gibt es, wie üblich, bei Laiengruppen nicht. Dafür kommt der Brucker Chor „B’choired“ unter der Leitung von Thomas Rieder dieses Mal wieder zum Einsatz, was die Regie besonders freut.

Das schätzt Karin Michl auch so an „ihren“ Bruckern. Sie halten durch, halten „zam“, sind zwar manchmal ein wenig „grad o“, wie man so schön sagt, und manchmal scheppert es auch, aber sie packen auch immer mit an und schnell wird da umgesetzt, was sich die Regisseurin so während der Vorlaufzeit zu den Aufführungen an Bühnenbauten einfallen lässt. „Aegid Windl zum Beispiel hat ruck zuck eine zweite Ebene auf die bestehende Freilichtbühne auf dem Gelände des Brucker Freizeitzentrums gezaubert. Ohne diese fleißigen Mitstreiter könnten die Aufführungen nie so umgesetzt werden“, lobt die Spielleiterin ihre gesamte Truppe. Das ist einer der Gründe, warum Michl, trotz Angeboten von anderen Laienspielgruppen, hier in Bruck bleibt. „Mein Traum war immer eine eigene Inszenierung, eigene Regiearbeit, ein Podium auf dem ich meine Ideen umsetzen kann. Das habe ich hier in Bruck und dazu eine tolle Gemeinschaft – was will ich mehr?“

Langweilig wird es ihr dabei sicher so schnell nicht. Für 2016 hat Karin Michl für das nächste Projekt schon wieder etwas an Land gezogen. „Ein echter Glücksfall, mehr verrate ich noch nicht“, zwinkert die findige Organisatorin schelmisch und es scheint, als steckte ein Stück Puck auch in Karin Michl. Einen Traum hat die kreative Frau aber noch: „Ich würde gerne mal ein ernstes Stück in kleiner Besetzung aufführen und mehr Musik mit einbauen“, sinniert sie. Vielleicht lässt dieser Wunsch sich 2017, zu ihrem zehnjährigen Jubiläum ja verwirklichen, denn das ist mehr als nur ein Sommernachtstraum – es ist ein Lebenstraum.